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Heute Zwischen Gestern Und Morgen - Erst Busch Singt Lieder Von Kurt Tucholsky

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Heute Zwischen Gestern Und Morgen - Erst Busch Singt Lieder Von Kurt Tucholsky

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Heute Zwischen Gestern Und Morgen - Erst Busch Singt Lieder Von Kurt Tucholsky

Ernst Busch

brauchte ein neues Lied für das Kabarett. „Und ich hatte das, Anna-Luise'-Lied von Tucholsky gehört. Eine Frau sang damals eine ziemlich triste Melodie. Ich war der Meinung, das ist kein Lied . für eine Frau, das muß ein Mann singen. Ich gehe also mit dem Text zu Eisler und bitte ihn um eine neue Melodie. „Nein das mache ich nicht! Ich mache nur seriöse Sachen." Er war nämlich ein wenig böse auf Tucholsky, weil der einen Streit mit Brecht hatte. Aber ich brauchte unbedingt ein neues Lied und legte ihm 50 Mark auf den Tisch. „Wie willst du's denn haben?" Ich sprach ihm vor, und das saß er schon am Klavier und spielte weiter. Ich blieb natürlich dabei, und plötzlich bei der letzten Strophe schoß es mir durch den Kopf: jetzt muß das „Seemannslos' kommen. In dem ursprünglichen Text von Tucholsky gab's das nicht. Aber der hat es dann später auch übernommen (Tucholsky billigte Buschs Eingriffe in seine Texte mit der Bemerkung: „Wenn Sie glauben, lieber Busch, daß es besser ist — meinen Segen haben Sie.") Während Eisler am Klavier spielte, improvisierte ich immer mit. Auf diese Weise war das Lied in kaum zehn Minuten fertig. Dann schrieb Eisler auf das Notenblatt: Für Ernst Busch und von Ernst Busch. Das haben wir für Werner Fincks ,Katakombe' gemacht. Ich hatte beim singen einen Zylinder auf und einen Stock in der Hand."

 

STEREO 8 15 103

VEB Deutsche Schallplatten Berlin DDR in Zusammenarbeit mit der Akademie der Künste der DDR

Historische Aufnahmen

Kompositionen:

Hanns Eisler (2, 5, 6, 8-10, 13-21)

Siegfried Matthus (3)

Bearbeiter:

Wolfgang Hohensee (2)

RolfLukowsky(5)

Künstlerische Mitarbeit: Irene Busch

Musik- und Tonregie: Bernd Runge

Fotos:

Busch-Archiv

Zeichnungen:

George Grosz 4/2,5/1/2,7/3 (oben), 8/2,9/1,11/3 (oben),

Katzke 8/1, Conrad Felixmüller 8/3, Franz Maria Jansen 9/2,

George Scholz 10/3, Karl Holtz 11/1, Erich Godal 11/3

(unten), Georg Keisinger 10/2

Franz Wilhelm Seiwert 6,7

Bildredaktion und Gestaltung: Winfried Turnhofer

 

Seite A

Märchen 1907

Rezitation

 

Frohe Erwartung im Schützengraben 1918

Instrumentalgruppe -Leitung: Günter Gollasch

 

März 1848/November 1918

Instrumentalgruppe Leitung: Rolf Lukowsky

 

März 1920

Der Triumph des Untermeschentums

Rezitation

 

Marburger Studentenlied

1920

Studiochor Berlin

Instrumentalgruppe Leitung: Rolf Lukowsky

 

Die weinenden Hohenzollern

1922

Instrumentalgruppe Leitung: Günter Gollasch

 

Aber warum weinen die Hohenzollern

Rezitation Weltbühne, 1922

 

Weihnachten anno 18

Walter Olbertz, Cembalo

 

Einkäufe - Dezember 1919

Instrumentalgruppe Leitung: Walter Goehr

 

März 1919- Das Lied vom Kompromiß

Instrumentalgruppe Leitung: Walter Goehr

 

1919-Das Heil von außen

Rezitation

 

Seite B:

 

Prophezeiung 1922

Rezitation

 

Sommerlied 1920

Instrumentalgruppe Leitung: Adolf Fritz Guhl

 

Feldfrüchte 1926

Adolf Fritz Guhl, Klavier

 

Sozialdemokratischer Parteitag 1921

Walter Olbertz, Orgel

 

Couplet für die Bierabteilung 1922

Norbert Lange und Walter Olbertz, Klavier

 

Deutsches Lied 1923

Adolf Fritz Guhl, Orgel

 

Gebet für die Gefangenen

1924

Rolf Lukowsky, Orgel Werner Pauli, Gitarre

 

Die Mäuler auf 1930

Adolf Fritz Guhl, Orgel

 

Zuckerbrot und Peitsche

1930

Adolf Fritz Guhl, Orgel

 

Heute zwischen gestern und morgen 1932

Adolf Fritz Guhl, Orgel

 

Seite A:

1907 Märchen

Es war einmal ein Kaiser, der über ein unermeßlich großes, reiches und schönes Land herrschte. Und er besaß wie jeder andere Kaiser auch eine Schatzkammer, in der inmitten all der glänzenden und glitzernden Juwelen auch eine Flöte lag. Das war aber ein ganz merkwürdiges Instrument. Wenn man nämlich durch eins der vier Löcher in die Flöte hinein sah - o! was gab es da alles zu sehen! Da war eine Landschaft darin, klein, aber voll Leben: eine Thomasche Landschaft mit Böcklinschen Wolken und Leistikowschen Seen. Rezniceksche Dämchen rümpften die Nasen über Zillesche Gestalten, und eine Bauerndirne Meuniers trug einen Armvoll Blumen Orliks - kurz, die ganze moderne Richtung war in der Flöte. Und was machte der Kaiser damit? Er pfiff drauf.

 

1918

Frohe Erwartung im Schützengraben

Vater Wrangel, jener alte gute General von Anno dazumal, zog beim Klange einer Aufstands-Tute aus Berlin, weil man es so befahl.

Und sie drohten ihm sein Haus zu sengen,

seine Frau Gemahlin zu erhängen,

bis er dann zu großem Gram

der Rebellen wiederkam. Heftig blasend ritt man durch die Linden, voller Sehnsucht, seine Frau zu finden. Weich und lind entfuhrs dem alten Knaben:

„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?"

Nimmer will mich dieses Wort verlassen. Heut noch lebt die alte Reaktion. Heute noch ist sie so schwer zu fassen -Brennglas, der versuchte es ja schon.

So viel Jahre steck ich schon im Kriege,

denk an die Panke meiner Wiege,

an mein Preußen, an Berlin

und die Junker von Malchin. Nie vergeß ich in dem fremden Lande Mutter Reaktion und ihre Schande. Voller Hoffnung sinn ich oft im Graben:

„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?"

Da zu Haus, bei Vätern auf dem Boden, liegt ein großes buntes Fahnentuch, mitten im Gerumpel der Kommoden, in dem Schlummer voller Staubgeruch ...

Und beim Urlaub sagte mir der Alte,

oben hängt er durch die Bodenspalte

seine Fahne in den Wind,

wenn wir erst zu Hause sind. Das war Fünfzehn. Und bei jedem frischen Wechsel an den deutschen grünen Tischen bitt ich um die schönste aller Gaben:

„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?"

 

1918

Frohe Erwartung im Schützensraben

Vater Wrangel, jener alte gute General von Anno dazumal, zog beim Klange einer Aufstands-Tute aus Berlin, weil man es so befahl.

Und sie drohten ihm sein Haus zu sengen,

seine Frau Gemahlin zu erhängen,

bis er dann zu großem Gram

der Rebellen wiederkam. Heftig blasend ritt man durch die Linden, voller Sehnsucht, seine Frau zu finden. Weich und lind entfuhrs dem alten Knaben:

„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?"

Nimmer will mich dieses Wort verlassen. Heut noch lebt die alte Reaktion. Heute noch ist sie so schwer zu fassen — Brennglas, der versuchte es ja schon.

So viel Jahre steck ich schon im Kriege,

denk an die Panke meiner Wiege,

an mein Preußen, an Berlin

und die Junker von Malchin. Nie vergeß ich in dem fremden Lande Mutter Reaktion und ihre Schande. Voller Hoffnung sinn ich oft im Graben:

„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?"

Da zu Haus, bei Vätern auf dem Boden,. liegt ein großes buntes Fahnentuch, mitten im Gerumpel der Kommoden, in dem Schlummer voller Staubgeruch ...

Und beim Urlaub sagte mir der Alte,

oben hängt er durch die Bodenspalte

seine Fahne in den Wind,

wenn wir erst zu Hause sind. Das war Fünfzehn. Und bei jedem frischen Wechsel an den deutschen grünen Tischen bitt ich um die schönste aller Gaben:

„Ob sie ihr wohl uffjehangen haben?"

 

1918 - März 1848/ November 1918

Siebzig Jahre ist das nun her.

Siebzig Jahre wiegen schwer. Schwarz-rot-goldene Fahnen flatterten, Vater Wrangeis Musketen knatterten -

Wofür?

Wie glühten die Herzen: Wie glühten die Köpfe!

Kampfbereit gegen Bürgertröpfe, Gegen die nickenden Zipfelmützen -Klatschen in trübe Fürstenpfützen -

Und dann?

Der Bismarck-Sieg in den siebziger Jahren Ist uns verdammt in die Krone gefahren.

Die Krone gleißte. Die Bürger krochen.

Die treuesten Herzen pochen Im Proletariat.

Und dann? Die versprochenen herrlichen Zeiten? Und dann? Wir wollen gen Frankreich reiten! Und dann? Wir kämpfen gegen zwei Welten,

Herz und Hirn haben den Deubel zu gelten!

So schwadronierte der Kaiser — Jetzt sitzt er in Holland.

Proleten!

Wer hat uns und die Freiheit geknutet?

Proleten!

Wofür sind Karl und Rosa verblutet?

Zerfleischt euch nicht das eigene Herz!

Denkt an die Barrikaden im März -!

Soll der November nicht wieder so enden, Reißt eurem Todfeind die Macht aus den Händen!

Der Todfeind steht rechts!

 

 

März 1920

Der Triumph des Untermenschentums

Fünfzehn wehrlose Einwohner von Thale sind von Studenten des Marburger Zeitfreiwilligenregimentes in grausiger Weise ermordet worden. Ein deutsches Kriegsgericht sprach die Mörder trotz aller Schuldbeweise frei.

 

1920

Marburger Studentenlied

Stimmt an mit hellem, hohem Klang, stimmt an das Lied der Lieder! Des Vaterlandes Hochgesang, das Waldtal hallt ihn wi-hi-der!

Der alten Barden Kriegsgericht, dem Kriegsgericht der Treue — wir wissen, du verknackst uns nicht — dir weihn wir uns aufs Neue!

Wir fingen fuffzehn von dem Pack, das unser Preußen schädigt. Es war ein schöner Märzentag. Wir haben sie erledigt.

Sie sind von uns erschossen worn. Doch ganz in Recht und Züchten. Zwar sitzen ihre Wunden vorn ... Man kann auch rückwärts flüchten.

Wir wissen jeden krummen Weg. Uns kann man nicht erweichen. Der Mediziner im Kolleg braucht Leichen, Leichen, Leichen!

Uns tut kein deutscher Richter nichts und auch kein Staatsanwalte. Die Schranken unsres Kriegsgerichts der liebe Gott erhalte!

Zur Ahnentugend wir uns weihn, zum Schutze deiner Hütten! Wir lieben deutsches Fröhlichsein und echte deutsche Sitten! Ad exercitium executionis parati estisne? Sumus!

Das werden deine Richter und Beamten! Das darf dich einmal richten und verwalten. Und hältst du wieder still und läßt sie schalten: Sie lachen. Töten. Werden was. Und alles bleibt beim alten.

 

1922

Die weinenden Hohenzollern

Sie sitzen in den Niederlanden

und gucken in die blaue Luft.

Der Alte mit den hohen Granden,

der Junge in der Tenniskluft.

Wer fuhr denn - töff-töff-töff - nach Holland, woraus man heut sich traurig sehnt? Sie klagen, ihre Welt sei Moll-Land ...

Vater hat jeweent, Willy hat jeweent -

Alle ham se jeweent!

Das geht nun seit vier langen Jahren. Es trieft das Schmalz. Die Zähre rinnt: „Der biedere Greis in Silberhaaren — das arme, so verfolgte Kind ..."

Und selbst im Kino blüht die Lilie.

Das Fridericus-Auge tränt...

Das liegt nun mal in der Familie ... Vater hat jeweent, Willy hat jeweent -Alle ham se jeweent!

Sie schreiben Fibeln für die Kleinen — drin steht: „Ich hab es nicht gewollt!" Die Krone fiel. Wer wird denn weinen! Das ganze Geld kam nachgerollt.

Ein ewig Gestern — nie ein Morgen.

Mein Gott, die Welt hat andre Sorgen!

Es trägt ein Volk die schwersten Lasten ...

Mit Melodien, dem Kitsch entlehnt,

drehn die an ihrem Leierkasten: Vater hat jeweent, Willy hat jeweent -Alle ham se jeweent!

Wir auch - Aber warum weinen die Hohenzollern. Sie haben ihr gesamtes Privatvermögen ausgeliefert bekommen - und noch einen großen Teil jener Vermögensteile dazu, von denen man nicht genau weiß, ob sie dem Staat - also uns - oder ihnen gehören. Sie haben keinen Grund zu jammern. Jedes Geschäft trägt ein Risiko in sich und ihnen ist nun das geschehen, was jedem von uns täglich zustoßen kann: sie haben keinen Erfolg gehabt. Ein lebenskräftiger Mensch findet sich damit ab.

Notabene Wilhelm von Abfundien: Als der Germanenfürst Widukind die Schlacht verloren hatte, stellte er sich seinen Feinden und übergab sich.

 

1918

Weihnachten - anno '18

So steh ich nun vor deutschen Trümmern und sing mir still mein Weihnachtslied. Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern, was weit in aller Welt geschieht. Die ist den andern. Uns die Klage. Ich summe leis, ich merk es kaum, die Weise meiner Jugendtage: O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre und kam in dies Brimborium - bei Deutschen fruchtet keine Lehre — weiß Gott! ich kehrte wieder um. Das letzte Brotkorn geht zur Neige. Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum. Ich hing sie gern in deine Zweige, O Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen: Wer ist an all dem Jammer schuld? Wer warf uns so in Blut und Schmerzen? uns Deutsche mit der Lammsgeduld? Noch leben die Kanonenbrüder. Ich träume meinen alten Traum: Schlag, Volk, die Kriegsbrandstifter nieder! Glaub diesen Burschen niemals wieder! Dann sing du frei die Weihnachtslieder:

O Tannebaum! O Tannebaum!

Und alle Jahre wieder.

 

1919

Einkäufe Dezember 1919

Was schenke ich dem kleinen Michel zu diesem kalten Weihnachtsfest? Den Kullerball? Den Sabberpichel? Ein Gummikissen, das nicht näßt?

Ein kleines Seifensiederlicht?

Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Wähl ich den Wiederaufbaukasten? Schenk ich ihm noch mehr Schreibpapier? Ein Ding mit schwarzweißroten Tasten; ein patriotisches Klavier?

Ein objektives Kriegsgericht?

Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Schenk ich den Nachttopf ihm auf Rollen? Schenk ich ein Moratorium? Ein Sparschwein, kugelig geschwollen? Ein Puppenkrematorium?

Ein neues gescheites Reichsgericht?

Das hat er noch nicht. Das hat er noch nicht!

Ach, liebe Basen, Onkels, Tanten -Schenkt ihr ihm was. Ich find es kaum. Ihr seid die Fixen und Gewandten, hängt ihrs ihm untern Tannenbaum.

Doch schenkt ihm keine Reaktion!

Die hat er schon. Die hat er schon!

 

1919

März 1919-Das Lied vom Kompromiß

Manche tanzen manchmal wohl ein Tänzchen immer um den heißen Brei herum, kleine Schweine mit dem Ringelschwänzchen, Bullen mit erschrecklichem Gebrumm.

Freundlich schaun die Schwarzen auf die Roten,

die sich früher feindlich oft bedrohten.

Jeder wartet, wer zuerst es wagt,

bis der eine zu dem andern sagt: „Schließen wir 'nen kleinen Kompromiß! Davon hat man keine Kümmernis. Einerseits — und andrerseits — so ein Ding hat manchen Reiz . . . Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß: Schließen wir 'nen kleinen Kompromiß!"

Seit November klingt nun dies Gavottchen. Früher tanzte man die Carmagnole. Doch Germania, das Erzkokottchen, wünscht, daß diesen Tanz der Teufel hol.

Rechts wird ganz wie früher lang gefackelt,

links kommt Papa Ebert angewackelt.

Wasch den Pelz, doch mach mich bloß nicht naß!

Und man sagt: „Du, Ebert, weißt du was: Schließen wir 'nen kleinen Kompromiß! Einerseits — und andrerseits — so ein Ding hat manchen Reiz . . . Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß: Schließen wir 'nen kleinen Kompromiß!"

Seit November tanzt man Menuettchen,

wo man schlagen, brennen, stürzen sollt.

Heiter liegt der Bürger in dem Bettchen,

die Regierung säuselt gar so hold. Sind die alten Herrn auch rot bebändert, deshalb hat sich nichts bei uns geändert. Kommt's daß Ebert hin nach Holland geht, spricht er dort zu einer Majestät:

„Schließen wir 'nen kleinen Kompromiß!

Davon hat man keine Kümmernis.

Einerseits - und andrerseits -

so ein Ding hat manchen Reiz . . .

Und durch Deutschland geht ein tiefer Riß. Dafür gibt es keinen Kompromiß!

 

1919

Das Heil von außen

Was wir bereits gestorben glaubten, ist, hols der Teufel, wieder da: die alten achselstückberaupten Kommis der Militaria.

Das wandelt wie in alten Tagen, für alles Neue gänzlich taub: man trägt nur manches auf dem Kragen und ist ein Kerl mit Eichenlaub.

Das sind doch alles Kleidermoden: der Ärmelschmuck und wie das heißt. . . man stellt sich einfach auf den Boden der neuen Welt — im alten Geist.

Und haben wir den Krieg verloren: die Herren, silberig besternt, verschließen ihre langen Ohren -sie haben nichts dazugelernt.

Und nur ein Friede kann uns retten, ein Friede, der dies Heer zerbricht, zerbricht die alten Eisenketten -der Feind befreit uns von den Kletten. Die Deutschen selber tun es nicht.

 

 

Seite B:

1922 Prophezeiung

Natürlich kommt noch mal die Stinnes-Zeit: mit Streikverboten, Posten an den Ecken, mit Schwarz-Weiß-Rot und den Etappenrecken — das kommt bestimmt. Nur ist's noch nicht so weit.

Hoch oben Landwirtschaft und Industrie. Handlangerdienste tut der kleine Bürger. Der Großknecht war noch stets ein guter Würger (nach unten hin) — er liebt die Monarchie.

Wie bläht sich dann der kleine Mittelstand! Geschwollen blickt er auf zum Reichsverweser. „Die Pazifisten? Und die ,Vorwärts'-Leser? Die Kerle müssen alle an die Wand!"

Potsdam steht auf. Heraus die Uniform! Für Klassenurteil, Haft, für feiles Morden gibt's Titel, Stellen, Rang und schöne Orden .. . „Der Adler Erster" — so was hebt enorm!

Du, Proletarier, bist der tiefste Stein. Auf dir wird immer feste druff getreten. Das putzt die Stiefel sich an dem Proleten — Und jeder, jeder will ein Cäsar sein.

Wann, Deutschland, siehst du ein,

was hier gespielt wird? He, Republik -! Sie fährt empor, nickt,

döst und schlummert wieder ein.

 

 

1920 Sommerlied

Wenn der Sommer blaut, wenn der Penner klaut,

wenn der Gastwirt stellt den Garten 'raus: Pflanzt im Bumslokal sich mit einem Mal der beliebte Humorist vors volle Haus. Und er tut als wie besoffen, und er murmelt schwer betroffen -Schnedderedeng — den Refrain: „Und ick immer mitn mit, mitn Schmidt, mitn mit, und ick immer mitn mit, mitn mit, mitn Schmidt!"

Mancher Journalist weiß genau, wie's ist,

wenn der Umsturz alle Seelen faßt. Und er sichert sich leis und vorsichtig, daß er nur den letzten Anschluß nicht verpaßt. Der Zeitgeist pfeift. Der Zeitgeist lockt. Und ganz gesiegt ist halb geschmockt. -Schnedderedeng - im Refrain: Und sie immer mitn mit, mitn Schmidt, mitn mit, und sie immer mitn mit, mitn mit, mitn Schmidt!

Manches Volk ist blind, Fahnen wehn im Wind, Idealen geht die Farbe ab. Doch sie hängen dran -alle, Mann für Mann -haben nichts gelernt von Wilhelm bis zu Kapp. Führt auch Ludendorff sie in den Scheibenkleister: er bleibt doch der große deutsche Meister -Schnedderedeng - im Refrain: Und sie alle mitn mit, mitn Schmidt, mitn mit, und sie alle mitn mit, mitn mit, mitn Schmidt!

 

1926

Feld fruchte

Sinnend geh ich durch den Garten, still gedeiht er hinterm Haus; Suppenkräuter, hundert Arten, Bauernblumen, bunter Strauß.

Petersilie und Tomaten,

eine Bohnengalerie,

ganz besonders ist geraten

der beliebte Sellerie. Ja, und hier -? Ein kleines Wieschen? Da wächst in der Erde leis das bescheidene Radieschen:

außen rot und innen weiß.

Sinnend geh ich durch den Garten unsrer deutschen Politik; Suppenkohl in allen Arten im Kompost der Republik.

Bonzen, Brillen, Gehberockte,

Parlamentsroutinendreh . ..

Ja, und hier —? Die ganz verbockte

liebe gute SPD. Hermann Müller, Hilferlieschen blühn so harmlos, doof und leis wie bescheidene Radieschen:

außen rot und innen weiß.

 

 

1921

Sozialdemokratischer Parteitag

Wir saßen einst im Zuchthaus und in Ketten, wir opferten, um die Partei zu retten,

Geld, Freiheit, Stellung und Bequemlichkeit. Wir waren die Gefahr der Eisenwerke, wir hatten Glut im Herzen - unsre Stärke

war uns're Sehnsucht, rein und erdenweit. Uns haßten Kaiser, Landrat und die Richter: Idee wird Macht - das fühlte das Gelichter...

Long long ago -Das ist nun heute alles nicht mehr so.

Wir sehn blasiert auf den Ideennebel. Wir husten auf den alten, starken Bebel -

Wir schmunzeln, wenn die Jugend revoltiert. Und während man in hundert Konventikeln mit Lohnsatz uns bekämpft und Leitartikeln,

sind wir realpolitisch orientiert. Ein Klassenkampf ist gut für Bolschewisten. Einst pfiffen wir auf die Ministerlisten ...

Long long ago -Das ist nun heute alles nicht mehr so.

Uns imponieren schrecklich die enormen Zigarren, Autos und die Umgangsformen -

Man ist ja schließlich doch kein Bolschewist. Wir geben uns auch ohne jede Freite. Und unser Scheidemann hat keine Seite,

nach der er nicht schon umgefallen ist. Herr Weismann grinst, und alle Englein lachen. Wir sehen nicht, was sie da mit uns machen,

nicht die Gefahren all... Skatbrüder sind wir, die den Marx gelesen. Wir sind noch nie so weit entfernt gewesen,

von jener Bahn, die uns geführt Lassall!

 

 

1922 Couplet

In den Berliner Straßen da siehste heut, mein Kind, wie über alle Maßen besetzt die Autos sind.

Der Chef der Prokuristen,

Agenten und Juristen -sie quetschen sich zwecks Billigkeit eng aneinander an:

Acht Mann in einem Auto -

ein Auto und acht Mann.

Emilie, süßes Töpfchen der Suppe meiner Lust: ich lege gern mein Köpfchen an deine linke Brust.

Du schwörst, ich sei alleine.

Ich glaub es gern, du Kleine! Denn kämen alle, die du hebst: dann rückten da heran

acht Mann in einem Auto -

ein Auto und acht Mann!

Wenn diese Republike den Zimt so weitermacht, wird eines Tags sie stike von hinten umgebracht.

Man wird ein bißchen schreiben ...

Die meisten werden bleiben. Der Rest, der fährt zum Tor hinaus mit Schwarz-Rot-Gold voran.

Es wird die Herrn begleiten:

Ein Leutnant und zehn Mann -!

 

 

1923 Deutsches Lied

Blasse Kinder auf dem Hof (Nebenstraße - Westen) machen einen kleinen Schwof neben Müllschuttkästen. Käse-Teint und bleicher Schöpf. Dürftiges Grün im Blumentopf auf zwei Fensterbrettern. Und die Stimmchen klettern:

„Kaserne! Kaserne!

Sonne, Mond und Sterne!

Achtung! Richtung! Vordermann!

Du - bist - dran -!"

Tief geduckt im Ziegelbau hinter wuchtigen Laden sitzen krumm, in Kitteln blau, unsere Kameraden. Staatsanwalt, der schikaniert, Wärter, der sie malträtiert. Ihre Stimmen leiern in Preußen und in Bayern:

„Kaserne! Kaserne!

Sonne, Mond und Sterne!

Achtung! Richtung! Vordermann!

Du - bist - dran !"

Deutsche Gram und deutsches Leid. Ämter ohne Ende. Wucher, den ein Staat gefeit, und immer graue Wände. Wir sind schuld. Ein Schrei, der gellt. Aber draußen liegt die Welt. Wir sind ganz alleine. Und hören nur dies eine.

„Kaserne! Kaserne!

Sonne, Mond und Sterne!

Achtung! Richtung! Vordermann!

Du - bist - dran -!"

 

1924

Gebet für die Gefangenen

Herrgott!

Wenn du zufällig Zeit hast, dich zwischen zwei

Börsenbaissen und einer dämlichen Feldschlacht in Marokko auch

einmal um die Armen zu kümmern: Hörst du siebentausend Kommunisten in deutschen

Gefängnissen wimmern?

Kyrie eleison -!

Da sind arme Jungen darunter, die sind so mitgelaufen, und nun sind die den Richtern in die Finger gefallen; auf sie ist der Polizeiknüppel niedergesaust, der da ewiglich hängt über uns allen . . . Kyrie eleison —!

Da sind aber auch alte Kerls dabei, die hatten Überzeugung, Herz und Mut — das ist aber vor diesen Richtern nicht beliebt, und das bekam ihnen nicht gut. . . Kyrie eleison -!

Da haben auch manche geglaubt, eine Republik zu

schützen -aber die hat das gar nicht gewollt. Fritz Ebert hatte vor seinen Freunden viel mehr Angst als vor seinen Feinden — in diesem Sinne:

Schwarz-Rot-Gold! Kyrie eleison -!

Herrgott! Sie sitzen seit Jahren in kleinen Stuben

und sind krank, blaß und ohne Fraun;

sie werden von Herrn Aufseher Maschke schikaniert und

angebrüllt, in den Keller geschickt und mitunter verhaun . . .

Kyrie eleison —!

Manche haben eine Spinne, die ist ihr Freund; viele sind verzankt, alle verzweifelt und sehnsuchtskrank — Ein Tag, du Gütiger, ist mitunter tausend Jahr lang! Kyrie . . .

Vielleicht hast du die Freundlichkeit und guckst einmal

ins Neue Testament?

Bei uns lesen das die Pastoren, aber nur sonntags —,

in der Woche regiert das Strafgesetzbuch und der

Landgerichtspräsident. . . . eleison —!

Weißt Du vielleicht, lieber Gott, warum diese

Siebentausend in deutsche Gefängnisse kamen?

Ich weiß es. Aber ich sags nicht. Du kannst dirs ja denken. Amen.

 

1930

Die Mäuler auf!

Heilgebrüll und völksche Heilung, schnittig, zackig, forsch und peng! Staffelführer, Sturmabteilung, Blechkapellen schnäddärädäng. Judenfresser, Straßenmeute . . . kleine Leute, kleine Leute, kleine Leute.

Arme Luder brülln sich heiser,

tausend Hände fuchteln wild.

Hitler als der selige Kaiser,

wie ein schlechtes Abziehbild.

Jedes dicken Schlagworts Beute:

kleine Leute, kleine Leute, kleine Leute.

Tun sich mit dem teutschen Land dick,

grunzen wie das liebe Vieh.

Allerbilligste Romantik -

hinten zahlt die Industrie.

Und die Kirche machts Geläute

für die großen, gernegroßen, kleinen Leute.

Hinten zahlt die Landwirtschaft,

toben sie auch fieberhaft:

sind doch schlechte deutsche Barden,

bunte Unternehmer-Garden

bleiben gestern, morgen, heute

kleine Leute, kleine Leute, kleine Leute.

 

 

1930

Zuckerbrot und Peitsche

Nun senkt sich auf die Fluren nieder

der süße Kitsch mit Zucker-Ei.

Nun kommen alle, alle wieder:

Das Schubert-Lied, die Holz-Schalmei . . .

Sie wollen sich mit Kunst betäuben,

sie wollen nur noch Märchen sehn;

sie wollen ihre Welt zerstäuben

und neben der Epoche gehn. Aus Not und militärscher Zucht: Das Bürgertum erliegt der Wucht! Flucht, Flucht, Flucht.

So dichtet, Dichter: vom Atlantik, von Rittern und von Liebesnacht! Her, blaue Blume der Romantik! „Er löste ihr die Brünne sacht ..." Wie ihr euch durch Musik entblößtet! In eurer Kunst ist keine Faust. So habt ihr euch noch stets getröstet, wenn über euch die Peitsche saust.

Ihr wollt dem Kampfe euch entziehn,

und wollt zu höhern Harmonien

fliehn, fliehn, fliehn.

Es hilft euch nichts. Geht ihr zu Grunde: man braucht euch nicht. Kein Platz bleibt leer. Ihr winselt wie die feigen Hunde schiebt ab! Euch gibt es gar nicht mehr! Das Bürgertum erliegt der Wucht: Aus Not und militärscher Zucht: Flucht, Flucht, Flucht!

 

1932

Heute zwischen gestern und morgen

Wie Gestern und Morgen sich mächtig vermischen! Hier ein Stuhl - da ein Stuhl -und wir immer dazwischen! Liebliche Veilchen im März -

Nicht mehr. Proletarier-Staat mit Herz -Noch nicht. Noch ist es nicht so weit. Denn wir leben — denn wir leben

in einer Übergangszeit —!

Geplappertes A-B-C bei den alten Semestern. Fraternite — Liberte — ist das von gestern? Festgefügtes Gebot?

Nicht mehr. Flattert die Fahne rot? Noch nicht. Noch ist es nicht so weit. Denn wir leben — denn wir leben

in einer Übergangszeit —!

Antwort auf Fragen wollen alle dir geben. Du mußt es tragen: ungesichertes Leben. Kreuz und rasselnder Ruhm -

Nicht mehr. Befreiendes Menschentum Noch nicht. Noch ist es nicht so weit. Denn wir leben — denn wir leben in einer Übergangszeit -!

 

 

 

 

Mehr Informationen
ArtikelnummerAurora 8 15 103
Preis29,90 €
InterpretErnst Busch
PlattennameHeute Zwischen Gestern Und Morgen - Erst Busch Singt Lieder Von Kurt Tucholsky (4)
EAN NummerNicht verfügbar
PlattenlabelAndere
PlattentypLP / Vinyl 12"
Vinylgewicht pro Schallplatte180 gramm
Anzahl der Platten1
BeilagenHeftbeilage /Booklet/Buch
Release Jahr1983
Allgemeiner PlattenzustandGebraucht
Zustand TonträgerNicht verfügbar
Zustand CoverNicht verfügbar
PlattenreinigungNicht verfügbar
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